Großer Sitzenbleiber-Atlas

Sitzenbleiber-Hochburgen in Deutschland / 122 Städte im Vergleich

Großer Sitzenbleiber-Atlas

Foto: www.billiger.de

Deutschland geteiltes Bildungsland / Sitzenbleiber-Hochburg: u.a. Coburg, Fürth, Hanau, Ludwigsburg / In Hamburg & Berlin werden selbst die leistungsschwächsten Schüler versetzt / Jährlich 1,8 Milliarden Euro Kosten für den Steuerzahler

+++ Trotz hoher Armutsquoten lässt sich ein Zusammenhang zwischen Sitzenbleibern und Armut kaum statistisch belegen +++ / In Coburg doppelt so viele Nichtversetzte wie im Studien-Schnitt / Top-Sitzenbleiber-Hochburgen sind: u.a. Fürth, Weiden i. d. Oberpfalz, Hanau, Nürnberg, Salzgitter, Schwerin, Gießen, Ludwigshafen / Realschüler bleiben besonders oft sitzen +++

Mit Bayern, Berlin und Baden-Württemberg endeten nun auch in den letzten Bundesländern vor kurzem die Sommerferien. Insgesamt kehrten damit mehr als 8,3 Millionen Schüler bundesweit in die Schulen zurück. Das neue Schuljahr startete aber nicht für jeden erfreulich. Schließlich gibt es auch in diesem Jahr in Deutschland wieder Tausende Sitzenbleiber.

Doch Sitzenbleiben ist längst nicht mehr nur eine Frage des fehlenden Wissens und Könnens. Vielmehr entscheiden auch der Wohnort und die Schulart über das Wohl und Wehe der Schüler. Fakt ist zudem: Jeder Sitzenbleiber kostet Geld. Allein für die in der Studie berücksichtigten 122 Städte belaufen sich die Kosten für den Steuerzahler auf hochgerechnet 1,8 Milliarden Euro, nimmt man Daten der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) als Berechnungsgrundlage.

Wo Deutschlands Sitzenbleiber-Hochburgen sind, und in welchen Schularten es die meisten Wiederholer gibt, das untersuchte das Studien-Team von Deutschlands führendem Verbraucherportal für Preis- und Produktvergleiche von billiger.de (3,09 Millionen Nutzer im Monat lt. AGOF Mai 2016) pünktlich zum Schulbeginn und fasst die Ergebnisse nun in einem großen „Sitzenbleiber-Atlas“ zusammen.

Untersucht wurde das Schuljahr 2014/15 und zwar in den 122 größten und wichtigsten Städten, die in der Regel über 100.000 Einwohner haben. Für die Untersuchung wurden zahlreiche Quellen herangezogen, darunter die Kultusministerien und deren Schul- und Kommunalbehörden sowie die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder. Zudem wurde auch bei einigen Schulen direkt angefragt. Auf diese Weise kamen mehr als 2.100 Datensätze zusammen, mit denen Deutschlands erstes umfangreiches Sitzenbleiber-Ranking gebildet werden konnte. Untersucht wurden Grund-, Haupt-, Real- und Gesamt- bzw. Gemeinschaftsschulen sowie Gymnasien. Hierfür wurden Cluster gebildet, um die unterschiedlichsten Schularten überhaupt vereinheitlicht unter einem Raster darstellen zu können.

Das Ergebnis verblüfft: Deutschlandweit unterscheiden sich die ermittelten Sitzenbleiber-Quoten erheblich. So blieben in den untersuchten bayerischen Städten teilweise viermal mehr Schüler sitzen als etwa in Aalen, Flensburg oder Konstanz. Die Berechnungen berücksichtigen sowohl Nichtversetzte als auch freiwillige Wiederholer eines Schuljahres. Bitte hierzu die beiliegenden Tabellen und Infografiken beachten.

Coburg, Fürth, Hof, Weiden: Bayern dominiert Sitzenbleiber-Ranking

Deutschlands großer Sitzenbleiber-Atlas zeigt deutlich: Coburger Schüler bleiben am häufigsten sitzen. Mit 38 Klassenwiederholungen je 1.000 Schüler (224 Nichtversetzte gesamt im Schuljahr 14/15) sichert sich die Stadt in Oberfranken den unrühmlichen ersten Platz. Knapp dahinter rangiert Fürth mit 37 Sitzenbleibern je 1.000 Schüler (395 Nichtversetzte gesamt) auf Platz zwei, gefolgt von Hof (ebenfalls 37 Sitzenbleiber je 1.000 Schüler; 189 Nichtversetzte gesamt).

Insgesamt betrachtet dominiert Bayern die Top 15 der Sitzenbleiber-Hochburgen. Zehn der 15 Städte kommen aus dem Freistaat. Als erste nicht-bayerische Stadt hat es Hanau auf den fünften Platz des Sitzenbleiber-Rankings geschafft. In der hessischen Stadt gab es im Untersuchungszeitraum, dem Schuljahr 2014/2015, rund 35 Wiederholer je 1.000 Schüler (409 Nichtversetzte gesamt).

Gemäß den Studien-Kriterien zählt das niedersächsische Salzgitter ebenfalls zu den Top-Hochburgen der Sitzenbleiber. Im Schnitt drehten hier knapp 33 Schüler je 1.000 Schulpflichtiger noch mal eine Ehrenrunde (322 Nichtversetzte gesamt). Auch die Städte Schwerin (32 Wiederholer je 1.000 Schüler, 269 Nichtversetzte gesamt) und Gießen (32 Wiederholer je 1.000 Schüler, 357 Nichtversetzte gesamt) gehören zu den Sitzenbleiber-Hauptstädten.

„Streber-Städte“: Berlin, Hamburg, Aalen, Kiel, Dresden, Jena

Klassenprimus der Studie ist Aalen in Baden-Württemberg. Dort blieb im Schuljahr 2014/15 über die vier untersuchten Schularten hinweg (Grund-, Haupt-, Realschule sowie Gymnasium; eine Gesamtschule existiert dort nicht) kaum jemand sitzen. Auf 1.000 Schüler kommen in Aalen gerade einmal 9 Sitzenbleiber (62 Nichtversetzte gesamt im Schuljahr 2014/15). Damit erreichte in der Stadt nur etwa jeder Hundertste das Klassenziel nicht. Auch das schleswig-holsteinische Flensburg (9 Sitzenbleiber je 1.000 Schüler, 100 Nichtversetzte gesamt) oder das baden-württembergische Konstanz am Bodensee (10 Wiederholer je 1.000 Schüler, 84 Nichtversetzte gesamt) verzeichnen eine vorbildlich niedrige Sitzenbleiber-Quote von unter einem Prozent.

Ebenso gut sieht es im Osten der Republik aus: Jena (11 Wiederholer je 1.000 Schüler, 108 Nichtversetzte gesamt) und Suhl in Thüringen (12 Sitzenbleiber je 1.000 Schüler, 26 Nichtversetzte gesamt) gehören zu den 15 besten Städte mit den wenigsten Repetenten. Des Weiteren hat die nordrhein-westfälische Stadt Paderborn mit einer Abweichung von 39 Prozent unter dem Studien-Schnitt (12 Wiederholer je 1.000 Schüler) absoluten Vorbildcharakter unter den sogenannten Streber-Städten.

Ebenfalls zu den Top-Städten gehört – überraschenderweise – Berlin. Zwar hatte die Bundeshauptstadt im vergangenen Schuljahr 2014/15 mit 4.182 berücksichtigten Schülern die höchste Anzahl an Sitzenbleibern in ganz Deutschland, diese verteilen sich jedoch auf 317.022 Schüler. Demnach kommt Berlin auf eine erstaunlich niedrige Sitzenbleiber-Quote von gerade einmal 1,32 Prozent. Würde man jedoch den ermittelten bundesweiten Studien-Schnitt von 1,97 Prozent als Grundlage für Berlin nehmen, käme die Hauptstadt rein theoretisch auf rund 6.245 Sitzenbleiber.

Der Grund für die starke Normabweichung liegt vor allem in Berlins lockerer Schul- und Versetzungspolitik. Ein Sitzenbleiben an Sekundarschulen ist dort nämlich gar nicht mehr möglich. Diese seit 2010 existierende Schulform vereint Haupt-, Real- und Gesamtschule. Lediglich an Gymnasien müssen die Schüler noch um ihre Nichtversetzung fürchten.

Einen Schritt weiter in der Abschaffung des Sitzenbleibens ist der Stadtstaat Hamburg. Dort rückt nahezu jeder Schüler automatisch in die nächste Jahrgangsstufe vor. Der Grund: Hier wird ein besonders softes pädagogisches Konzept gefahren, das keine Loser mehr vorsieht. Das bedeutet: Man möchte jeden Schüler durchziehen, egal wie die schulischen Leistungen sind. Das macht einen deutschlandweiten Vergleich von Schulnoten und Leistungen natürlich durchaus schwierig, aber nicht unmöglich.

Weitere Schulen mit besonders wenigen Sitzenbleibern sind: Lübeck (13 Sitzenbleiber je 1.000 Schüler), Oldenburg (13 Sitzenbleiber je 1.000 Schüler), Münster (13 Sitzenbleiber je 1.000 Schüler), Kiel (13 Sitzenbleiber je 1.000 Schüler), Hamburg (13 Sitzenbleiber je 1.000 Schüler), Dresden (14 Sitzenbleiber je 1.000 Schüler) sowie Gera (14 Sitzenbleiber je 1.000 Schüler). Zusätzliche Informationen zu den Top-Streber-Städten können den beiliegenden Tabellen entnommen werden.

Großteil der Städte findet sich im Mittelfeld wieder, darunter Darmstadt, Fulda, Saarbrücken, Köln, Leipzig, Stuttgart

Im Studien-Schnitt blieben im Schuljahr 2014/15 etwa 20 von 1.000 Schülern sitzen – und die Mehrheit der Städte bewegt sich auch in diesem Bereich. Von den 122 ermittelten Städten befinden sich ganze 77 Städte im Mittelfeld, das heißt sie liegen weder 30 Prozent unter noch 30 Prozent über dem gebildeten Studien-Schnitt. Das sind fast zwei Drittel aller untersuchten Kommunen.

Dennoch variieren die Abweichungen zwischen den einzelnen Städten auch im Mittelfeld stark. Mit jeweils 25 Sitzenbleibern je 1.000 Schüler führen Recklinghausen, Darmstadt und Mönchengladbach das obere Mittelfeld der Sitzenbleiber-Städte an. Das untere Mittelfeld, also den Streber-Städten nahe, sind Oberhausen (24 Prozent unter dem Mittel), Karlsruhe und Bielefeld (jeweils 23 Prozent unter dem Schnitt). Weitere Städte in der Kategorie „Mittelfeld“ können der beiliegenden Tabelle entnommen werden.

Schularten im Vergleich: Realschüler bleiben am meisten sitzen

Interessant ist auch ein Blick auf die Sitzenbleiber-Zahlen entsprechend der Kategorien Grund-, Haupt-, Real- und Gesamtschule sowie Gymnasium. Während Grundschulen als auch Haupt- oder Realschulen und Gymnasien recht eindeutige Schultypen-Zuordnungen in der Studie zuließen, gestaltete sich die Bildung der Mischschulen wesentlich schwieriger. Hier hat www.billiger.de deshalb sämtliche Schularten gesammelt, die am ehesten als Gesamtschule oder Gemeinschaftsschule bezeichnet werden.

Nach Schultypen gerankt ergibt der Sitzenbleiber-Atlas folgendes Bild: Besonders häufig verfehlen die Realschüler das Klassenziel am Schuljahresende. Im Schnitt blieben 49 von 1.000 Schülern in dieser Schulkategorie sitzen. Damit liegt die Realschule mehr als 150 Prozent über dem Studien-Schnitt, der bei 20 Nichtversetzten je 1.000 Schüler liegt.

Knapp dahinter reihen sich die Hauptschulen mit einer Sitzenbleiber-Quote von durchschnittlich 4,3 Prozent ein. Etwas erfreulicher sind die Zahlen für Gymnasialschüler. Auf der Penne blieben entsprechend dieser Studie im Schnitt 2,4 Prozent aller Schüler sitzen. Besser sind da nur noch die Gesamtschulen oder Grundschulen. Bei den Gesamtschulen ergibt sich eine niedrige Sitzenbleiber-Quote von 19 Wiederholern je 1.000 Schülern; sie liegen damit leicht unter dem Vergleichs-Schnitt (minus 3,08 Prozent). Allerdings stehen gerade Gesamtschulen im Ruf, ein Sammelbecken unterschiedlichster pädagogischer Schulkonzepte zu sein, die alle möglichen Schüler schlicht mit durchschleifen.

Das bedeutet mehr als in anderen Schularten: Sitzenbleiben ist einfach nicht vorgesehen. Während die einen sagen, dies sei förderlich für die Charakterbildung von Kindern und Jugendlichen, meinen andere, dies fördere Mittelmaß und verhindere Elitenbildung, was wiederum wichtig für einen Industriestaat sei, dessen Fortkommen von erstklassigen Leistungen abhängig sei und nicht vom Mittelmaß.

Die wenigsten Schüler bleiben aber in der Grundschule sitzen. Die Studie zählte hier nur 6 je 1.000 Schüler, die nicht in die nächsthöhere Klasse vorrückten.

Kosten-Schock für Steuerzahler: 1,8 Milliarden Euro

Sitzenbleiben ist nicht nur für die Betroffenen äußerst ärgerlich. Blickt man nämlich auf die jährlich verursachten Kosten, wird die Nichtversetzung auch für den Steuerzahler zum monetären Trauerspiel. So rechnete die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem Bericht zur Pisa-Studie bereits 2013 vor, dass jede Klassenwiederholung im Jahr mit stolzen 34.000 Euro zu Buche schlage.

Grundlage hierfür sind allerdings nicht nur die tatsächlichen Kosten für ein zusätzliches Schuljahr, sondern auch künftige Steuereinbußen, die durch den verspäteten Arbeitsmarkteintritt des Sitzenbleibers entstehen. Trotzdem: Nimmt man die von der OECD errechnete Zahl als Berechnungsbasis für die 52.982 Nichtversetzten in den 122 bedeutendsten Städten Deutschlands, kommt die jährliche Ehrenrunde dem deutschen Steuerzahler mit satten 1,8 Milliarden Euro teuer zu stehen.

Auch die Leistungsschwächsten werden versetzt: Hamburg und Berlin schaffen Sitzenbleiben ab

Allerdings ist es sicherlich keine Frage der Kosten, weshalb immer mehr deutsche Bundesländer das Sitzenbleiben deutlich einschränken beziehungsweise komplett streichen. So ist in Hamburg ein Durchfallen kaum noch möglich. Lediglich in Ausnahmefällen darf in der Hansestadt mit dem Einverständnis der Schulbehörde eine Klassenstufe wiederholt werden. In Berlin ist das Sitzenbleiben an den Sekundarschulen nicht mehr vorgesehen und nur noch auf ausdrücklichen Wunsch der Schüler oder Eltern möglich. Auch in Baden-Württemberg ist an der seit 2012 neu eingeführten Gemeinschaftsschule die Nichtversetzung tabu.

Ferner schränken einige Bundesländer die Möglichkeit des Sitzenbleibens auf bestimmte Jahrgangsstufen ein. In Schleswig-Holstein kann ein Schüler nur noch in der sechsten oder neunten Klasse sitzenbleiben.

Ein ähnliches Modell verfolgen die Bundesländer Thüringen und Brandenburg. Andere Bundesländer wiederum sehen das Sitzenbleiben als ein gezielt gewolltes pädagogisches Instrument. Insbesondere in Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern müssen Schüler bei schlechten Leistungen weiterhin mit einer Nichtversetzung rechnen. Dies soll Ansporn sein, zu lernen und besser zu werden.

Fest steht: Mit dem Wegfall des Sitzenbleibens schönen die Landesregierungen die Statistiken oder versuchen sich gänzlich einem Vergleich zu entziehen. Ob den Schülern damit aber geholfen wird, ist äußerst fraglich. Der Arbeitsmarkt beklagt schon heute, dass selbst Uni-Abgänger manchmal die grundlegenden Dinge, welche im Job benötigt werden, nicht mehr beherrschen.

Armut lässt sich ursächlich statistisch kaum mehr für Sitzenbleiber-Quoten belegen

Einen besonderen Fokus legte die billiger.de-Studie auch auf die Frage: Führt Armut, wie so oft beklagt, wirklich zu schlechteren Leistungen an den Schulen? Um diese Frage klären zu können, wurden die Zahlen der Mindestsicherung (wozu beispielsweise Hartz IV oder auch die Grundsicherung gehören) der Bundesagentur für Arbeit, aber auch Zahlen des Statischen Bundesamtes herangezogen. Mit dem Stichtag 31.12.2014 kam die Studie über alle 122 untersuchten Städte hinweg auf ca. 4,17 Millionen Empfänger von sozialen Mindestsicherungsleistungen.

Diese Zahl gliedert sich folgendermaßen auf: 3,37 Mio. Empfänger von „Grundsicherung für Arbeitsuchende nach dem SGB II“ (Hartz IV), 74.604 weitere Empfänger von „Hilfe zum Lebensunterhalt außerhalb von Einrichtungen nach dem SGB XII“, 555.091 Empfänger von „Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung“ (hierbei handelt es sich um Personen, deren Rente zum Leben zu niedrig ist und aus diesem Grund Mindestsicherung zusätzlich beantragt haben oder um Menschen mit Krankheiten oder Behinderungen auf unbestimmte Zeit) sowie 169.584 Empfänger von „Regelleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz“.

Aus der Anzahl der Mindestsicherungsleistungs-Empfänger wurde anschließend anteilig zu den Einwohnern einer Stadt die sogenannte Armuts-Quote gebildet, welche auf Stadtebene mit der jeweiligen Sitzenbleiber-Quote abgeglichen wurde. Genutzt wurde hierfür das übliche Statistikprogramm SPSS.

Das Ergebnis überraschte: Lediglich in Bayern gibt es eine Signifikanz bezüglich des Korrelationskoeffizienten zwischen Armut und Sitzenbleiber-Quote, das sich auf Schulebene allerdings nur eindeutig für die Hauptschule nachweisen lässt. Dies schließt jedoch nicht aus, dass in einzelnen Städten für bestimmte Schularten nicht auch eine Korrelation, also ein Zusammenhang, zwischen Armut und Sitzenbleiber-Quote besteht.

Dies liegt daran, dass über das Statistik-Programm SPSS lediglich anhand einer Vielzahl von Zahlen und Daten sich Nachweise errechnen lassen, nicht aber genau die Situation vor Ort analysiert werden kann. Das bedeutet: Letztlich entbindet das Studienergebnis die Kommunen nicht von einer eigenen Analyse bezüglich der Schwachstellen im System, wozu selbstverständlich auch Verarmung gehört. In Baden-Württemberg ist, wie im Falle des Freistaats Bayern, ebenfalls eine signifikante Korrelation zwischen Armut und Sitzenbleiben statistisch nachweisbar - allerdings nur an der Grundschule und nicht über alle Schularten hinweg im gesamten Bundesland Baden-Württemberg.

Zumindest nach dieser Studie lässt sich neben Bayern und Baden-Württemberg auch für Offenbach und Schwerin ein Zusammenhang zwischen Armut und Sitzenbleiber-Hochburgen nachweisen, allerdings eben nicht statistisch signifikant.

Ungeachtet der Ergebnisse dieser Studie sollte man nicht vergessen: Armut ist dennoch ein großes Problem für den Bildungsweg und das persönliche Fortkommen. Dies ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass die Bundesländer viel tun, um mit pädagogischen Konzepten beispielsweise Sitzenbleiben erst gar nicht mehr möglich zu machen. Denn: Wo staatlich gewollt Schönfärberei betrieben wird und es keine Sitzenbleiber in der offiziellen Schulstatistik mehr gibt, kann auch kein Nachweis über einen Zusammenhang zwischen sozialer und schulischer Schwäche betrieben werden.

Hinzu kommt, dass soziale Fähigkeiten, die berühmten Soft Skills, in der Regel in Familien des besseren Bürgertums deutlich stärker gepflegt werden, als in ärmeren Familien. Solche Fähigkeiten werden in den Schulen zunehmend nicht mehr vermittelt, was für Betroffene zu Problemen im Beruf führen kann.

Da immer mehr Lehrer einer Konfrontation mit Eltern, Schülern oder den Schulämtern aus dem Weg gehen, wird auch über diesen Weg unsoziales Verhalten gefördert. Das heißt: Immer mehr Lehrer ducken sich weg und gehen den Weg des geringsten Widerstandes, um selbst keine Probleme zu bekommen. Das Schulsystem in Deutschland fördert also auch hier immer mehr Mittelmaß.

Trotz all der unterschiedlichen pädagogisch-politischen Ansätze kommt diese Studie ebenso zu dieser Erkenntnis: Auch Städte mit einem vergleichbar hohen Anteil an Armut, also der Notwendigkeit auf staatliche Zuwendungen in Form einer finanziellen Mindestsicherung wie Hartz IV, können „Streber-Städte“ sein. Dazu zählen etwa Kiel, Lübeck und Flensburg.

Städte mit einem geringen Armutsanteil können wiederum sogenannte Sitzenbleiber-Hochburgen sein. So etwa Erlangen, Ingolstadt, Kempten, Bamberg, München, Rosenheim, Regensburg, Würzburg und Hanau. Hinsichtlich des Korrelationskoeffizienten-Tests und des Signifikanztests sind pro Bundesland mehr als drei Datenpunkte notwendig, das heißt mehr als drei untersuchte Städte.

Da Stadtstaaten nur eine Stadt haben (Berlin, Hamburg und Bremen), konnte für diese Städte kein Korrelationskoeffizient und auch keine Signifikanz zwischen Armutsquote und Sitzenbleibern errechnet werden. Unterm Strich wurden also 40 Korrelationskoeffizienten-Tests und Signifikanz-Tests durchgeführt (für die Schularten in den Bundesländern) und weitere neun Tests auf Bundeslandebene. Mehr war auf Bundeslandebene statistisch nicht möglich, da zu wenige Datenpunkte in dieser Studie vorlagen, weil überwiegend nur Städte mit über 100.000 Einwohnern erhoben wurden.

Studiendesign:

Zur Ermittlung der „Sitzenbleiber-Quote“ wurden für die jeweilige Stadt sowohl die Anzahl der Schüler an den allgemein bildenden Schulen als auch die Anzahl der Klassenwiederholungen untersucht. Die Zahl der Sitzenbleiber umfasst dabei sowohl nichtversetzte Schüler als auch freiwillige Wiederholer einer Klassenstufe. Auf dieser Grundlage errechnete das billiger.de-Studien-Team die Sitzenbleiber-Quote, die zur besseren Vergleichbarkeit auf 1.000 Schüler je Stadt hochgerechnet wurde. Anschließend bildete billiger.deDeutschlands erstes „Sitzenbleiber-Ranking“. Dabei wurden alle Städte, die mindestens 30 Prozent über dem ermittelten Städte-Durchschnitt liegen, als Sitzenbleiber-Hochburgen kategorisiert. Das heißt: Dort drehen die Schüler besonders häufig noch einmal die „Ehrenrunde“. Gleichzeitig weist das Ranking auch die vorbildlichsten Städte Deutschlands auf. Zu den sogenannten „Streber-Städten“ gehören sämtliche Orte, die mindestens 30 Prozent unter dem gebildeten Mittel der Sitzenbleiber liegen. Alle Angaben zu Schülern und Wiederholen beziehen sich auf das Schuljahr 2014/15 und beruhen auf Daten der Kultusministerien, einzelner Schulen oder zusätzlich statistischer Angaben der Statistischen Landesämter oder des Statistischen Bundesamtes „Destatis“. Für die Armutsquote wurde zudem auf Datenmaterial der Bundesagentur für Arbeit zurückgegriffen. Aktuelle Daten zum Schuljahr 2015/16 lagen zum Zeitpunkt der Studienerhebung noch nicht vor. Von der Untersuchung ausgenommen waren Waldorf-, Sonder-, Förderschulen, Schulkindergärten sowie Vorklassen und Einrichtungen des zweiten Bildungswegs. Aufgrund einer Geheimhaltungsklausel des Statistischen Landesamts Bayern enthalten die Zahlen zu den bayerischen Schulen keine Angaben über Privatschulen. Auch die Städte Baden-Baden und Heidelberg weisen ausschließlich Zahlen zu den Schulen in öffentlicher Trägerschaft aus. Die Daten zu den Empfängern von sozialen Mindestsicherungsleistungen mit Stichtag 31. Dezember 2014 beruhen auf Informationen des Statistischen Bundesamts und umfassen die Grundsicherung für Arbeitsuchende nach dem SGB II (Hartz IV), die Hilfe zum Lebensunterhalt außerhalb von Einrichtungen nach dem SGB XII, die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nach dem SGB XII sowie Regelleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Stand: September 2016, alle Angaben nach eingehender Recherche mit mehreren üblichen Korrekturschleifen.

Quelle: www.billiger.de

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