Kolumne: Geld in Tüten

Kolumne: Geld in Tüten

Schlimm, wenn einen die eigenen Kinder für steinreich halten und damit auch noch überall hausieren gehen. Frei nach dem Motto: „Geld hat man nicht, man spricht drüber“.

Meine Schwiegermutter bringt ihren Enkeln gern pädagogisch wertvolle Literatur mit. Ein Vorschulheft für den Kleinen zum Beispiel oder die Broschüre „Rechtschreibung mit Spaß!“ für den Großen. Ich weiß ihre Bemühungen zu schätzen und schäme mich jedes Mal in Grund und Boden, wenn meine Kinder die Mitbringsel nicht mal komplett auspacken, bevor sie es wie ein vier Wochen altes Leberwurstbrot fallen lassen. So reagieren sie sonst nur auf geschenkte Schlafanzüge oder Unterhosen. Aber letztes Wochenende war alles anders. Kaum hatte Oma die Hefte überreicht, saßen die beiden auch schon auf dem Sofa und blätterten wie wild darin herum. Ich war begeistert, bis ich kapierte, warum. Meine Schwiegermutter hatte für jeden einen Fünf-euroschein zwischen den Seiten versteckt. Sogar einen dieser neuen Scheine, die in der Gunst unserer Kinder gerade ganz hoch im Kurs stehen. Es ist traurig aber wahr: Unsere Kinder sind bestechlich wie sizilianische Zollbeamte. Für Geld tun sie fast alles.

Und sobald sie welches haben, wird umgerechnet. Ihre Recheneinheiten sind Gummischnuller, Kratzeis, „Micky Mäuse“ oder Achterbahnfahrten. Solche Dinge kosten Geld, soviel haben sie schon mal verstanden. Was noch nicht so gut sitzt, ist die Erkenntnis, dass auch verloren gegangene Turnbeutel, bestellte aber nicht angerührte Pommes und aufgescheuerte Hosen Geld kosten. Unser Geld. Aber genau da liegt der Unterschied. Unser Geld kommt ja aus dem Automaten – also wo ist das Problem? Außerdem glauben unsere Kinder sowieso, dass wir steinreich wären, nachdem sie einmal alte Urlaubsbilder aus Laos gesehen haben.

Die Währung dort heißt „Kip“. Münzen gibt es nicht und der kleinste Schein, ist der Hunderter. Wenn so ein Schein auf der Straße neben einen ausgespuckten Kaugummi liegt, würde sich mancher eher nach dem Kaugummi als nach dem Hunderter bücken. Der höchste Schein ist der 50.000 und der entspricht etwa 4,80 Euro. Wer also in Laos zur Bank geht, um ein paar Dollar einzutauschen, kommt mit zwei bis drei Plastiktüten voller Scheine wieder heraus. Es gibt ein Foto von meinem Mann und den Geldtüten, und die Kinder lieben es. Vor allem, weil man damit so schön angeben kann. Inzwischen weiß der ganze Kindergarten, „…dass der Papa von Mats so reich ist, dass sein Geld gar nicht mehr ins Portemonnaie passt.“ Immer, wenn wir Besucherkinder da haben, fragen die, ob sie mal unsere Geldtüten sehen können.

Irgendwie hatten wir es uns leichter vorgestellt, dem eigenen Nachwuchs den verantwortungsvollen Umgang mit Finanzen beizubringen. Wir wollten, dass sie den Wert von Dingen erkennen und achten, nicht, dass sie ihre Eltern für die Geissens halten. Also haben wir es mit Taschengeld versucht, da lernen die Kinder wenigstens mal, wie mühsam Sparen ist. In der Theorie zumindest. In der Praxis verjubeln sie alles in dem Moment, in dem sie ihre wöchentlichen zwei Euro in der Hand halten. Irgendein Kiosk ist garantiert in der Nähe, der auch am Sonntag auf hat. Und mit Glück finden sie sogar einen Ein-Euro-Laden, in dem sie Plastik-Tröten in schwarz-rot-gold, polnische Marshmallow-Schlangen oder Schleimi in der Dose kaufen können. Wenn wir versuchen einzugreifen heißt es „Ist doch unser Geld“. Wenn wir stattdessen vorschlagen „Spar’ doch ein bisschen, dann kannst du dir den ‚Playmobil’-Ritter kaufen, den Julius auch hat“ heißt es „Brauch’ ich nicht. Den hab’ ich schon von Julius gekriegt. Eingetauscht gegen meine neue Trinkflasche.“ Zum Glück ist Julius Mama eine vorausschauende Frau, die ihren Sohn bereits darauf vorbereitet hat, dass der Tausch rückgängig gemacht werden muss. Julius hat’s mit Fassung getragen, wollte in dem Zuge aber gleich eine Spiel-Verabredung für nächsten Mittwoch bei uns klar machen. „Gern“, sage ich. „Wenn das Wetter gut ist, könnten wir zusammen auf den Spielplatz. Wär’ das was?“ „Nö“, sagt Julius. „Ich würde lieber zu euch in die Wohnung und die Geldtüten angucken.“

Unsere Kolumnistin: Birte Kaiser (43) ist freie Journalistin. Bis zur Geburt ihres ersten Sohnes hat sie fest für die „Für Sie“ gearbeitet. Jetzt schreibt sie regelmäßig als freie Mitarbeiterin für diverse Frauenzeitschriften und für ALSTERKIND. Sie lebt mit ihrem Mann und den beiden Söhnen Hannes (9) und Mats (6) in Winterhude. www.birtekaiser.de

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