Interview mit Kirsten Boie

„Kinder müssen sich geliebt fühlen - so, wie sie sind!“

Interview mit Kirsten Boie

Foto: Jörg Schwalfenberg/Oetinger Verlag

2015 war ihr Jahr: Sie feierte ihren 65. Geburtstag, ihr 30. Jubiläum als Autorin und die Kinoverfilmung ihrer Buchreihe „Ritter Trenk“. Die Hamburger Kinderbuchautorin Kirsten Boie veröffentlichte bisher rund 100 Bücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Ganz aktuell trifft sie mit ihrer Geschichte um eine syrische Flüchtlingsfamilie „Bestimmt wird alles gut“ den Nerv der Zeit. ALSTERKIND traf sie zum Gespräch im Park Hyatt

„Ritter Trenk“ jetzt auch als Kinofilm – was unterscheidet ihn von Ihrer Buchvorlage?
Im Buch hat der Erzähler eine zentrale Rolle. Er erklärt ganz viel, was Kinder so nicht unbedingt wissen können, z.B. was ein Leibeigener ist. Im Film müssen Bilder diese Rolle übernehmen und ich finde, dass das gut gelungen ist und dass die Charaktere sehr liebevoll dargestellt werden.

Was ist Ihr persönliches Highlight im Film?
Ich finde, dass der Film atmosphärisch besonders schön gelungen ist: die Grafik, die Farben in den Hintergründen und auch das Licht. Es hat mich sehr beeindruckt, wie detailreich z.B. der Wald, die Landschaft und die Burg dargestellt werden. Toll finde ich, dass auch auf die emotionale Dimension viel Wert gelegt wurde, wie die Geschwister-Szenen, in denen die liebevolle Beziehung zwischen Trenk und Mia Mina deutlich wird.

Kinder träumen von Helden wie Ritter. Was gehört für Sie zu einer glücklichen Kindheit?
Mal abgesehen von den essentiellen Dingen, wie Nahrung, ein Zuhause und etwas zum Anziehen, müssen Kinder sich in erster Linie geliebt fühlen. Und zwar so, wie sie sind! Ohne das Gefühl, den Wunschträumen ihrer Eltern gerecht werden zu müssen. Kinder brauchen Freiräume und Zeit außerhalb ihrer Pflichten.

Was macht für Sie ein richtig gutes Kinderbuch aus?
Diese Frage kann doch keiner guten Gewissens beantworten. Es gibt so viele tolle und vielseitige Bücher... Ich finde nur, man darf als Autor nicht mit Klischees arbeiten und man muss Kinder als Leser auch ernst nehmen und nicht denken, sie merken bestimmte Details nicht. Auch wenn sie Dinge nicht merken, nimmt diese Einstellung dem Buch den literarischen Wert.

Welche Kinderbücher gehörten zu Ihrer Kindheit?
Kurz nach dem zweiten Weltkrieg gab es nur wenig deutsche Bücher. Ich wurde mit Übersetzungen groß. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als Ottfried Preußlers „Kleine Hexe“ heraus kam. Aber auch Astrid Lindgren habe ich geliebt. Ihre Bücher waren immer lustiger und frecher als andere.

Sie sind gebürtige Hamburgerin und leben auch hier – was mögen Sie an der Hansestadt besonders?
Ich bin schon viel rumgekommen, aber Hamburg ist für mich die schönste Stadt. Es gibt hier ganz viel Grün, ganz viel Wasser, eine authentische Architektur und eine tolle Kulturszene. Diese Stadt erdrückt einen nicht wie andere Großstädte.

Wie kam es dazu, dass Sie Kinderbuchautorin wurden?
Als mein Mann und ich unseren ersten Sohn adoptierten, musste ich auf Verlangen des Jugendamtes meine Tätigkeit als Deutsch-, Englisch- und Philosophie-Lehrerin aufgeben. Damals – das ist ja mittlerweile schon 33 Jahre her – war man der Meinung, die Frau gehöre zur Kindererziehung nach Hause. Als ich meinem Sohn abends vorlas, kamen mir die ersten Ideen zu meinem ersten Buch. Das Schreiben war für mich ein Kindheitstraum. Ich habe sehr gern unterrichtet, aber mit dem Schreiben wurde dann ein Traum wahr.

Sie bereiten Kindern mit Ihren Büchern sehr viel Freude – Freude, die anderen Kindern im Moment fehlt. Was sagen Sie zur derzeitigen Flüchtlingssituation?
Die Situation ist momentan wirklich sehr schwierig und wird sich durch fallende Temperaturen und schlechte Witterung noch verschärfen. Ich finde es aber toll, wie freundlich und hilfsbereit die Flüchtlinge von den meisten Deutschen aufgenommen werden. Was ich nicht verstehen kann, wieso Familien mit Kindern in nassen, kalten Zelten untergebracht werden müssen obwohl überall wenigstens für den Anfang Gebäude und Fabriken leer stehen, wo sie es trocken und warm hätten.

Sie haben in Ihrem Buch „Bestimmt wird alles gut“ eine berührende Geschichte über eine syrische Familie geschrieben und damit den Nerv der Zeit getroffen...
Die Kinder sollen eine Vorstellung davon bekommen, wie es für die Flüchtlinge ist, ihre Heimat verlassen zu müssen und natürlich sind auch die oft schrecklichen Erlebnisse auf der Flucht wichtig. Vielleicht lernen sie durch die Geschichte auch, wie wichtig es für die Flüchtlinge ist, einen deutschen Freund oder Freundin zu finden und einfach dazuzugehören.

Bestimmt wird alles gut

Die Flüchtlingsgeschichte „Bestimmt wird alles gut“ wird von Kirsten Boie und „Onilo" in Kooperation mit der „Stiftung Lesen" als „Boardstory“ für Lehrer noch bis zum Ende des Jahres kostenfrei auf www.onilo.de angeboten. Das Buch erscheint am 22. Januar im „Klett" Kinderbuchverlag.

Name: Kirsten Boie
Geboren: 9.3.1950 in Hamburg
Wohnort: Hamburger Umland
Familie: Zwei Adoptivkinder
Auszeichnungen: 2007: Sonderpreis des Deutschen Jungendliteraturpreises; 2008: Großer Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur; 2011: für „Ringel, Rangel, Rosen" bekam sie den Gustav-Heinemann-Friedenspreis und wurde vom Bundespräsidenten mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet

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