Hamburg kooperiert mit Initiative „Trau dich!“ zur Prävention des sexuellen Kindesmissbrauchs

Hamburg kooperiert mit Initiative „Trau dich!“ zur Prävention des sexuellen Kindesmissbrauchs

Foto: Maurice Kohl/BZgA

Die bundesweite Initiative „Trau dich!" zur Prävention des sexuellen Kindesmissbrauchs vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) tourt seit 2013 durch einzelne Bundesländer. Hamburg ist nach Schleswig-Holstein, Sachsen, Hessen und Baden-Württemberg das fünfte Bundesland, das eine Kooperation mit der Initiative eingeht. Die Schirmherrschaft über die Hamburgische Landestour hat der Senator für Schule und Berufsbildung, Herr Ties Rabe, übernommen.

Auftakt der Landeskooperation am 9. Juni 2015

Am 9. Juni 2015 erfolgte der landesweite Tourstart mit der Premiere des Theaterstücks „Trau dich!“ im Deutschen Schauspielhaus. Bis Anfang 2016 sind insgesamt 12 Aufführungen in der Freien und Hansestadt Hamburg geplant. Die Initiative erreicht so mindestens 3.500 Schülerinnen und Schüler aus Grundschulen mit ihren Eltern. Zudem werden die Lehrkräfte und weiteres Fachpersonal der beteiligten Schulen im Rahmen von verbindlichen Qualifizierungsveranstaltungen durch regionale, auf sexualisierte Gewalt und sexuelle Bildung spezialisierte Fachberatungsstellen geschult. Sie sollen befähigt werden, den Theaterbesuch mit den Schülerinnen und Schülern fachlich vor- und nachzubereiten und grundsätzlich im Umgang mit sexualisierter Gewalt professioneller zu agieren. Für die Eltern der Schülerinnen und Schüler werden Informationsabende angeboten.

Auf Landesebene wird die Umsetzung der Initiative von der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI), dem Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI), der Beratungsstelle Gewaltprävention im Amt für Bildung (BSB) und dem Verbund der Fachberatungsstellen gegen sexuelle Gewalt (NEXUS) sowie pro familia Hamburg unterstützt.

Die Kooperation mit der Initiative „Trau dich!“ ist ein wichtiger Baustein zur Ergänzung der bisherigen Angebote und Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt, zum Kinderschutz und zur Gewaltprävention im Rahmen der schulischen Sexualerziehung. Die Initiative „Trau dich!“ verstärkt die umfangreichen und spezifischen Qualifizierungsangebote für schulische Fachkräfte über das LI (http://li.hamburg.de/vielfalt-gesundheit-praevention/) und die Beratungsstelle Gewaltprävention (www.hamburg.de/gewaltpraevention) sowie die laufenden Präventionsmaßnahmen in den Schulen.

Die Hamburger Schulen wollen gemeinsam mit den Elternhäusern die Kinder altersgerecht aufklären und stark machen. Durch die angemessene Stärkung des Selbstbewusstseins der Kinder und Kenntnisse über Kinderrechte wird das Machtgefälle zwischen ihnen und den Erwachsenen abgebaut, und sie kommen als mögliche Opfer weniger in Frage. „Trau dich!“ ist hier eine wichtige Präventionsbotschaft. Eine entsprechende Schulkultur, die von allen gelebt wird, fördert ein solch positives Klima des Hinsehens und der Offenheit, die zu einer Abschreckung potenzieller Täter und Täterinnen beiträgt.

Durch die Kooperation mit der Initiative „Trau dich!“ sollen alle Beteiligten an Schulen, insbesondere die Lehrkräfte, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler sensibilisiert werden.

Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik

Im Jahr 2014 gab es 268 aktenkundig gewordene Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern in Hamburg (§ 176, 176a, 176b StGB). In 2013 wurden 239 Fälle gezählt (Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik Hamburg). Bezogen auf Deutschland hat die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2014 einen leichten Rückgang auf 12.134 angezeigte Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern (§§ 176, 176a, 176b StGB) verzeichnet – gegenüber 12.437 Fällen in 2013. Dies muss aber keinen tatsächlichen Rückgang der Fälle sexuellen Missbrauchs bedeuten, sondern könnte vielmehr auch ein Hinweis auf die zunehmende Sensibilisierung der Öffentlichkeit sein. Zudem muss nach wie vor von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden.

www.trau-dich.de
www.trau-dich.de/multiplikatoren

Das Theaterstück „Trau dich!“
Ein starkes Stück über Gefühle, Grenzen und Vertrauen

Das interaktive Theaterstück „Trau dich!“ ist – zusammen mit den Aktionen der Kooperationspartner vor Ort – das zentrale Element der gleichnamigen bundesweiten Initiative zur Prävention des sexuellen Kindesmissbrauchs vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Die Initiative spricht Kinder zwischen acht und zwölf Jahren, Eltern und pädagogische Fachkräfte an. Sie klärt Kinder über ihre Rechte auf und stärkt sie darin, sich gegen Übergriffe abzugrenzen und an eine Vertrauensperson zu wenden. Lehrpersonen und den pädagogischen Fachkräften gibt „Trau dich!“ Impulse und Hilfestellungen, um das Thema sexueller Missbrauch im Unterricht vor- und nachzubereiten. Sie werden sensibilisiert und ermutigt, genauer hinzusehen und handeln zu können. Für die Initiative von BMFSFJ und BZgA ist das Theaterstück ein zentraler Baustein und mit den anderen Angeboten der Initiative eng verknüpft. Dazu zählen unter anderem ein Online-Portal (www.trau-dich.de) und Broschüren für Kinder, eine Website (www.trau-dich.de/multiplikatoren) und Informationsmaterial für Erwachsene, Fortbildungen für die pädagogischen Fachkräfte der Schulen und Elternabende sowie die „Nummer gegen Kummer“, ein Beratungstelefon für Kinder.

Kindliche Lebenswelten verstehen

Bei der Entwicklung des Theaterstücks „Trau dich!“ setzte sich die deutsch-schweizerische Theatergruppe Kompanie Kopfstand fachlich intensiv mit den Themen sexueller Missbrauch und Kinderrechte auseinander. Besonders wichtig war für die Schauspieler, einen Bezug zur realen Lebenswelt der Kinder zu finden. Dazu veranstalteten sie Projekt- und Aktionstage in Schulen: Mit Hilfe von kreativen Schreib- und Malwerkstätten, kleinen Quizshows oder szenischer Arbeit mit den Mädchen und Jungen ging es dabei um die Rechte der Kinder auf Hilfe und körperliche Unversehrtheit, den Schutz ihrer Privatsphäre und Würde sowie ihr Recht auf Geborgenheit und Unterstützung. Eine Videokünstlerin dokumentierte die gesamte Recherchephase mit Video- und Audioaufnahmen, die als Sequenzen auch in das Theaterstück eingebaut sind.

Die Proben begannen Anfang Dezember 2012. Mehrere öffentliche Proben vor Kindern und Fachpublikum stellten sicher, dass das hochsensible Thema Kindesmissbrauch adressatengerecht und in einer angemessenen Sprache umgesetzt wurde. Die zentralen Präventionsbotschaften erreichen sowohl die Kinder, die noch nie von sexueller Gewalt gehört haben als auch diejenigen, die selbst direkt oder indirekt betroffen sind.

Spielerischer Umgang mit einem sensiblen Thema

„Trau dich!“ nimmt die Mädchen und Jungen mit auf eine spielerische Entdeckungsreise, die das Thema sexueller Missbrauch mit den Themen Kinderrechte und Sexualaufklärung verknüpft. Das Ergebnis ist eine „Performance-Collage“ mit interaktiven und multimedialen Elementen. Dabei bilden die in der Recherchephase entstandenen Ergebnisse die Grundlage für vier dramaturgisch geschlossene, aber nicht linear erzählte Geschichten. Neben Filmsequenzen von Kindern, die Situationen kommentieren und diskutieren, spielt der Einsatz von Musik eine wichtige Rolle. Als Bühnenbild dient ein überdimensionales Stofftuch, das die Schauspielerinnen und Schauspieler je nach Bedarf und Szene einsetzen: Mal hängt es an der Wand, mal schwebt es als Dach unter der Decke oder dient als Kostüm oder Kissen.

Mit ihrer Inszenierung regt die Kompanie Kopfstand Kinder an, zwischen den einzelnen Geschichten Beziehungsmuster zu entdecken und eine eigene Haltung zum Thema zu entwickeln. Gleichzeitig vermittelt das Stück die Bedeutung universeller Kinderrechte. Die Theatergruppe tritt in Kontakt mit dem Publikum und stellt so eine Nähe her, die zu einem direkten Austausch zwischen Bühne und Zuschauerraum führt. Schon beim Betreten des Theaters werden die Kinder persönlich begrüßt und durch kurze Interaktionen zu den Themen „Gefühle“, „Nähe und Distanz“ und „Begegnung“ auf das Theaterstück eingestimmt.

Informieren, qualifizieren, zuhören – vor und nach der Aufführung

Für die Schulen hat die BZgA ein Methodenheft für Fachkräfte zur Vor- und Nachbereitung des Theaterstücks entwickelt. Es enthält theaterpädagogische Impulse zu den Szenen und Inhalten des Theaterstücks sowie Anregungen für die Diskussion im Unterricht.

Das „Trau dich!“-Ensemble und ihre Rollen

Lisa Scheibner (34) spielt Alina, Vladimirs Oma und Paulas Freundin Linda. Julia Bihl (34) oder Charlotte Baumgart (35) spielen Paula, Alinas große Schwester Maja, Alinas Mutter und eine Katze. Johannes Birlinger (35) spielt Alinas Vater, Vladimirs Mutter, den Freund von Luca und Paulas Freund Tuncay. Julian Hackenberg (33) oder Helge Gutbrod (33) spielen einen Jungen aus Paulas Klasse (Jakob), Vladimir und den Verlobten von Paulas Schwester, Dennis.

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