Das neue Lernen - Schule in Corona-Zeiten

Das neue Lernen - Schule in Corona-Zeiten

Halfpoint/shtuterstock.com, © Johannes Haas

Wir alle wünschen uns eine glückliche, entspannte Schulzeit, in der unsere Kinder ihre Fähigkeiten entdecken und mit Freude und Freunden zusammen lernen. Dann kam Corona und das Leben und Lernen geriet ganz schön durcheinander! Nun heißt es für 280.000 Hamburger Schülerinnen und Schüler Abstand halten, Maske tragen, Hände desinfizieren und bloß nicht öffentlich husten – sonst geht es sofort nach Hause in Quarantäne. Und dort soll dann prompt der Schalter umgelegt werden auf selbstständiges Lernen. Doch das können die wenigsten Kinder. So bekamen sie zwar viele Inhalte zum Bearbeiten – aber eher selten wussten sie, wie sie sich diese Inhalte allein erobern, ohne Eltern, Lehrer und Nachhilfe. Denn das steht in keinem Lehrplan! ELBEKIND hat mit Betroffenen, Experten und Lehrern gesprochen, wie sich effektiver Infektionsschutz und Anspruch auf gute Bildung durch selbstständiges Lernen vereinbaren lassen.

Corona-Frust & -Freiheiten! Wenn das Kinderzimmer zum Klassenraum wird.

So haben es Schüler erlebt:

Carla 15 Jahre, Klasse 10:
„Ich fand es ganz schön stressig, zu Hause zu lernen und zu arbeiten. Fast täglich kamen neue Aufgaben rein und viel Neues, was ich mir erst einmal über You-Tube-Videos selbst beibringen musste. Besonders in Mathe, Physik und Chemie war dies anstrengend. Da halfen dann auch die zoom-Klassenmeetings wenig. Toll fand ich aber, dass ich eigentlich immer länger schlafen konnte und mir meine Zeit selbst einteilen konnte.“
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Amélie 12 Jahre, Klasse 8: + „Wir haben in der Corona-Zeit zu Hause oft total lustige und kreative Aufgaben bekommen. In Deutsch mussten wir zum Beispiel eine Buchvorstellung mit Lese-Tagebuch, Plakat und eigenem Video machen. Das hat mir viel Spaß gemacht. In anderen Fächern wie Geo waren die Aufgaben aber auch sehr langweilig. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass ich in dieser Zeit nicht so viel gelernt habe.“
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Piet 10 Jahre, Klasse 4:
„In der Corona-Zeit fand ich es schade, dass ich meine Freunde in der Schule nicht sehen durfte. Toll war aber, dass ich immer ausschlafen konnte. Homeschooling hat bei mir super geklappt, da mein großer Bruder und meine Mama auch zuhause waren.“
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Und das sagen die Eltern …

Jule und Max B. aus der HafenCity:
Das war schon eine Zerreißprobe, wenn sich zwei Kinder und zwei Erwachsene im Home-Office befinden und zwei Rechner im Dauereinsatz sind.

Nicole A. aus Eppendorf:
Ich war eigentlich Vollzeit als Lehrerin beschäftigt, musste jede Aufgabe mit den Kindern zusammen erarbeiten. Und wenn man das, was man vermeintlich verständlich erklärt, beim Kind überhaupt nicht ankommen will, ist das schon sehr frustrierend. Daher glaube ich, dass die Kinder in dieser Zeit deutlich weniger gelernt haben und sie jetzt in den Schulen einiges nachholen müssen.

Heike und Sven H. aus Harvestehude:
Ständig unausgeglichene Kinder, viel zu viele Aufgaben und dazu noch die Aussicht auf Ferien ohne wirkliches Verreisen, der Job und die ganzen finanziellen Unsicherheiten – das ist schon sehr belastend für uns alle.

Moritz & Katharina L. aus Blankenese:
Bei uns lief es mit nur einem Kind eigentlich super. Nur die fehlenden sozialen Kontakte, das fehlende Feedback der Lehrer und Freunde und die geschlossenen Sportvereine brachten uns dann doch öfter um den häuslichen Frieden.

Experten zum Homeschooling

Auch wenn viele Eltern sich von den Schulen allein gelassen fühlen, hinter den Kulissen wurde fleißig daran gearbeitet, Alternativszenarien für den Regelbetrieb umzusetzen. Dazu sprachem wir mit der Schulleiterin der Bugenhagenschule in Ottensen, Ine Barske und mit dem Schulleiter der privaten Stadtteilschule und Höheren Handelsschule St. Georg, Hans-Peter Fritze.

Was waren die größten Herausforderungen im Lockdown, Frau Barske?
Wir mussten von Woche zu Woche planen, uns war die digitale Ausstattung der elterlichen Haushalte nicht bekannt und wir wussten wenig über die zeitlichen und fachlichen Ressourcen der Eltern. Ein Teil der Kollegen/-innen hatte die eigenen Kinder zu betreuen. Da wir üblicherweise direkt mit dem jeweiligen Kind an dessen persönlichen Lernzielen arbeiten, mussten wir mit digitalen Mitteln den jeweiligen Lernstand in den einzelnen Fächern ermitteln.

Gibt es schon Fortschritte bei der gewünschten Digitalisierung?
Ja, wir waren schon zuvor mit Smartboards in allen Lerngruppen und mit IPads, Laptops und Computern ausgestattet. Uns standen zwei Lernplattformen zur Verfügung, so dass wir ganz gut vorbereitet waren. Trotzdem wollen wir unser Knowhow mittels Fortbildungen erweitern.

Was sind die größten Nachteile beim Homeschooling?
Den Lernstand der Schüler/-innen zu ermitteln, war manchmal schwierig. Selbst wenn Probleme direkt erkennbar waren, musste aufwendig evaluiert werden, um passgenau nachsteuern zu können. Die Eltern sahen sich nicht immer in der Lage ein regelmäßiges Feedback geben zu können. Die stetige Erreichbarkeit war in manchen Familien eher schwierig. Es gab Unsicherheiten bei den Eltern bezüglich der Lerngegenstände, Materialien und Methoden. Wir benötigten viel zusätzliche Zeit für die persönliche Beratung am Telefon und im Netz.

Wie haben Sie den Lockdown erlebt, Herr Fritze?
Wir haben schon in den Frühjahrsferien nach Möglichkeiten gesucht, wie Unterricht in Schulschließzeiten funktionieren könnte. Schnell war ein professioneller Anbieter für Videoschaltungen gefunden. Jeden Tag gab es für alle Klassen nach einem festen Stundenplan Onlineschule. Hier wurden neben den Kernfächern soweit möglich auch Nebenfächer bedient. Als dann die Schule in Präsenz wieder anlief, haben wir mit einem ausgefeilten Sicherheitskonzept die Schüler in Kleingruppen unterrichtet. Risiko-Lehrkräfte wurden zum Unterricht von zuhause in die Klassenräume geschaltet und Schüler(innen) aus Risikofamilien konnten dem Präsenzunterricht per Videoverbindung von zuhause folgen. Für den Fall eines zweiten Lockdowns haben wir die Onlineoption auch für das jetzt laufende Schuljahr behalten, um schnell wieder online unterrichten zu können. Zurzeit wird das System genutzt um Kinder aus Risikofamilien am Unterricht teilhaben zu lassen und um schulische Zusammenkünfte wie etwa Elternabende Corona konform durchführen zu können. Für den Präsenzunterricht wurden für die kältere Jahreszeit, in der die Fenster nicht wie bislang durchgehend offengehalten werden können, für alle Klassenräume Luftreiniger angeschafft.

Bugenhagenschule Ottensen
Ab jetzt mit Vorschule!
Bei der Osterkirche 17
22765 Hamburg
Tel.: 040-28802933
www.bugenhagenschulen.de

Stadtteilschule St. Georg
Private Ganztagsschule
Rostocker Straße 62
20099 Hamburg
Telefon : 040-247087
www.ppg-schulen.de

Auch Psychologen haben sich mit den Auswirkungen des Fernunterrichts beschäftigt. Eine von ihnen ist Dr. med. Carola Bindt vom UKE, die zu überraschend erfreulichen Ergebnissen kam.

Ich sehe dem Homeschooling gar nicht so besorgt entgegen. Fehlende soziale Kontakte, fehlender Körperkontakt, zu viel Zeit auf engstem Raum mit der Familie, wenig außerschulische Erlebnisse... Alles für gut sozialisierte Kinder kein Problem! Freundschaften wurden online gepflegt, bei fehlender Nähe half auch mal eine Fußmassage, die vermehrte Zeit mit der Familie tat sogar gut und konzentriert arbeiten konnten viele Kinder zu Hause oft besser, da keine Mitschüler gestört haben. Insgesamt wurde sogar das Sozialverhalten der Kinder und auch der Eltern sensibilisiert und gestärkt und es entstand ein enormes Gemeinschaftsgefühl. Problematisch wurde es bei den Kindern, die schon vorher nicht gut sozialisiert waren und wenig Freunde haben. Hier hat die Pandemie die Situation in einigen Fällen noch verschärft. Die wirkliche Last trugen die Mütter und auch Väter mit der Angst vor Ansteckung, vor Bildungsnachteilen, vor finanziellen Einbrüchen und Zukunftsängsten. Und diese Ängste spiegeln sich in den Kindern wider. Je fester die Tagesstruktur, je organisierter und sozial eingebetteter die Eltern, desto stabiler die Kinder – vor allem in einer Krise.

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