Kolumne: Warum der Weihnachtsmann Golf fährt …

Kolumne: Warum der Weihnachtsmann Golf fährt …

„Glaubst du noch oder weißt du schon?“ lautet die alljährliche Weihnachtsmannfrage. Und während wir Eltern noch über eine kindgerechte Antwort nachdenken, haben die Protagonisten das Thema für sich selbst längst geklärt.

Neulich hat mir mein großer Sohn erklärt, was ein Zylinderkopfstabilisator ist. Er weiß wie unsere Bundeskanzlerin heißt, warum Brennnesseln brennen und wie die Flagge von Finnland aussieht. Wenn er groß ist, will er was gegen die Wasserknappheit im Senegal erfinden, aber bis es soweit ist wünscht er sich einen neuen Akku für sein ferngesteuertes Boot. Nicht von uns, vom Weihnachtsmann. Der Weihnachtsmann ist für ihn eine verlässliche Größe, und seine Existenz ist ebenso gesichert wie die des Osterhasens und der Zahnfee, für die er regelmäßig Briefe unter sein Kopfkissen legt. Über Menschen, die das Gegenteil behaupten, kann er nur lachen.

Im vergangenen Jahr wollte Oma den Kindern zu Weihnachten mal richtig was bieten und engagierte einen Profi-Weihnachtsmann vom Studentenwerk. Wir wussten, dass schon winzige Indizien, wie eine bekannte Armbanduhr oder ein vertrautes Räuspern, die Tarnung eines verkleideten Onkels oder Nachbarns auffliegen lassen könnte, und wollten auf Nummer sicher gehen. Außerdem hatte Oma in der Zeitung gelesen, dass die vom Studentenwerk extra eine Schulung kriegen. Unser war an dem Tag aber wohl krank gewesen, sonst hätte er sich sicherlich daran erinnert, vor der Bescherung sein Handy abzuschalten. Und bestimmt hätte ihm auch jemand gesagt, dass der Weihnachtsmann keine Converse-Turnschuhe trägt.

Aber egal. Die Aufregung war jedenfalls groß, als es endlich, nur eine Dreiviertelstunde nach dem vereinbarten Termin, an der Tür klingelte. „Nanu, wer könnte das denn sein?“, fragten wir Erwachsenen künstlich erstaunt und bewiesen dabei ein schauspielerisches Talent, das sogar noch unter dem von Franz Beckenbauer lag. Die Kinder stürmten in den Flur und waren kein bisschen überrascht, dort auf den Weihnachtsmann zu treffen. Vielmehr auf das „Weihnachtsmännchen“, denn der Figur, die da in ihrem drei Nummern zu großen roten Mantel verschwand, mangelte es ein wenig an körperlicher Präsenz. Das ist halt die Kehrseite vom Abitur nach zwölf Jahren und der Abschaffung der Wehrpflicht: Viele Erstsemester sind gerade mal volljährig und entsprechend nervös, wenn sie, verkleidet als weltbekannte Folklore-Figur, plötzlich in fremden Wohnzimmern auf erwartungsfrohe Eltern und hoffnungslos überdrehte Kinder treffen. „Ihr zwei müsst wohl Anton und Julius sein“, begann unser Weihnachtsmann seine feierliche Ansprache, wobei er sich praktischerweise kaum zu den Kindern bücken musste. Über Omas Nasenwurzel entstand eine Falte, die es locker mit dem Mariannengraben hätte aufnehmen können. „Die beiden heißen Hannes und Mats, das steht doch auch in ihrem dämlichen Buch“, zischte sie dem Weihnachtsmann zu, woraufhin der noch ein bisschen kleiner wurde und hektisch in einem in Gold eingeschlagenen Album zu blättern begann. Endlich fand er, wonach er suchte. „Hier steht, dass du, Hannes, ein bisschen besser auf deinen Turnbeutel und deine Jacken aufpassen musst“, sagte er mit einem scheuen Seitenblick zur Oma. Der Große nickte schuldbewusst. Ihm war klar, dass man in solchen Momenten besser nicht diskutieren sollte. Dann wollte der Kleine wissen, ob da in dem Buch vielleicht auch die Sache mit Mamas Fotoapparat und den Unterwasseraufnahmen in der Badewanne stehen würde. Der Weihnachtsmann guckte irritiert, der Große nuschelte was von „Petze“ und mein Mann meinte, es wäre jetzt wohl mal Zeit für ein Gedicht.

Immerhin, die Verteilung der Geschenke verlief reibungslos, mal abgesehen vom Handyklingeln, das plötzlich irgendwo aus dem Inneren des Weihnachtsmanns kam, und das diesen endgültig um sein Trinkgeld brachte. Ein wenig lahm behauptete er schließlich, er müsse nun auch mal wieder zurück zu seinem Rentier-Schlitten, weil ja noch viele andere Kinder auf ihn warten würden.

Keiner von uns bekam mit, dass der Kleine direkt nach der Verabschiedung zum Fenster flitzte, um wenig später empört zu berichten, dass der Weihnachtsmann überhaupt keinen Schlitten hätte und schon gar keine Rentiere, sondern einen blauen Golf fahren würde. „Das war auch gar nicht der Weihnachtsmann“, klärte ihn sein Bruder trocken auf. „Das war doch bloß ein verkleideter Mensch.“ Es wurde still im Raum. Nun war der Zauber also gebrochen, die Illusion dahin, der wunderbare Glaube an eine gute, Geschenke bringende Macht versickerte. Schade. Irgendwie haben wir die Kinder darum beneidet.

„Blöder Student“, schimpfte Oma leise in der Küche, wurde aber vom Großen getröstet. „Der kann nix dafür“, meinte er. „Der wollte nur helfen, weil der echte Weihnachtsmann ja nicht überall gleichzeitig sein kann. Überleg doch mal Oma, das wäre echt unlogisch.“

Unsere Kolumnistin: Birte Kaiser (43) ist freie Journalistin. Bis zur Geburt ihres ersten Sohnes hat sie fest für die „Für Sie“ gearbeitet. Jetzt schreibt sie regelmäßig als freie Mitarbeiterin für diverse Frauenzeitschriften und für ALSTERKIND. Sie lebt mit ihrem Mann und den beiden Söhnen Hannes (9) und Mats (6) in Winterhude. www.birtekaiser.de

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