INTERVIEW: NINA PETRI

„Nur die Hälfte der Pubertätsprobleme gehen von Kindern aus…“

INTERVIEW: NINA PETRI

Betrogen in „Bin ich schön?“, Geliebte in „Lola rennt“ oder Mörderin im preisgekrönten Tom Tykwer Film „Die tödliche Maria“ – die Bandbreite der als eigenwillig geltenden Hamburger Schauspielerin Nina Petri ist enorm. ALSTERKIND traf eine interessante, bodenständige und authentische Frau im Café „Frieda am Park“ in Ottensen und sprach mit ihr über ihre Vergangenheit, Dramen in ihrem Leben, ihre Wünsche und ihre Kinder – die einmal pubertär waren …

Sie haben Karriere als Schauspielerin und Sprecherin gemacht, gleichzeitig haben Sie Ihre Zwillingstöchter alleine groß gezogen. Wie haben Sie den Spagat zwischen Beruf und Familie gemanagt?
Das fragich mich selbst manchmal. Ich hatte einfach keine andere Wahl und habe in vielen Situationen wie fremdgesteuert funktioniert. Gott sei Dank hatte ich lange Jahre die Hilfe meiner Mutter, später sprang dann auch eine professionelle Kinderbetreuung ein – alles in allem ein funktionierendes Netzwerk. Heute sind die Mädels 17 Jahre, haben gerade Abi gemacht und sind froh, wenn ichmal weg bin.

In unserer Titelgeschichte geht es um die Umstellung der Hamburger Grundschulen auf den Ganztagsbetrieb: Familie und Beruf sollen so besser in Einklang gebracht werden können. Was halten Sie davon?
Die Idee Ganztagsschule ist gut. Schlecht ist es allerdings, wenn Schulen keine Mittel zur vernünftigen Umsetzung zur Verfügung gestellt werden. Eine Ganztagsschule braucht Platz und kostet Geld – ohne funktioniert es nicht. Dann kommt nur eine Nachmittags-Aufbewahrungsstätte dabei heraus. Und wer will das schon für sein Kind …

Warum sind Sie Schauspielerin geworden?
Ich bin ein fantasiebegabter Mensch. Meine Mutter war mit mir schon früh oft im Kindertheater. Es war für mich Zauber, Magie. Ich war fasziniert von der Bühne, den Schauspielern und allem drum herum. Natürlich sind Schauspieler Menschen, die wahnsinnig viel Aufmerksamkeit brauchen – sie wollen gesehen werden. Das gilt auch für mich - deshalb bin ich privat eher jemand, der Aufmerksamkeit schenkt.

Sie spielen vielseitige, meist tiefgründige Rollen. Welche Ihrer Rollen war die authentischste?
In jeder Rolle steckt etwas von mir. Derzeit spiele ich am Theater „Hamburger Kammerspiele“ in dem Stück „Seine Braut war das Meer und sie umschlang ihn“ eine sehr facettenreiche Rolle. Zwar bin ich darin keine Mutter, dafür aber eine Frau, die einerseits verführerisch leicht und voller Leidenschaft mit all‘ ihren Sehnsüchten ist, anderseits polternde, vor Wut schäumende Furie, die von Wahnsinn und Eifersucht getrieben wird. Ich liebe Rollen, die so ein breites Spektrum abdecken und nicht entweder nur Mutter oder nur Liebhaberin vereinen.

Im letzten Jahr haben Sie „Kehrtwende“ gedreht – wieder ein Familiendrama. Was reizt Sie daran?
In Familien passiert einfach viel. In „Kehrtwende“ kam das Problem „Häusliche Gewalt“ dramatisch auf den Punkt. Das regt zum Nachdenken an und trägt zur Diskussion bei.

Was war das größte Drama in Ihrem Leben? Ich wurde mit 13 Jahren von einem Auto überfahren und wusste lange nicht, ob ich jemals wieder würde laufen können. Das hat mein Leben einschneidend geprägt und mich wahrscheinlich endgültig zum Beruf Schauspielerin geführt. Das andere Drama war das Scheitern meiner Ehe. Es war ein langwieriger Rosenkrieg und die Kinder waren erst drei Jahre alt. Wenn Eltern Stress haben, ist es für Kinder ein Horror. Meine Kinder hatten immer weiterhin Kontakt zum Vater, haben aber bis zu ihrem zwölften Lebensjahr gehofft, dass wir wieder zusammenkommen.

Was wünschen Sie sich?
Beruflich wünsche ich mir, dass ich noch lange auf diesem Niveau arbeiten kann. Und endlich `mal wieder eine Hauptrolle! Privat möchte ich gesund bleiben und noch viel reisen – in den Süden zu Palmen, Sand und Meer.

Ihre Mädchen sind nun fast erwachsen. Welchen Tipp geben Sie Eltern, die die Pubertät ihrer Sprösslinge noch vor sich haben?
Ich habe erkannt, dass nur die Hälfte der Pubertätsprobleme von den Kindern aus gehen. Die andere Hälfte haben die Eltern, für die es schwer ist, dass ihre Kinder erwachsen werden. Das kann zum einen Eifersucht auf die Energie und Lebenskraft der Jugendlichen sein, zum anderen Besserwisserei, die Eltern auf ihre Kinder projizieren wollen. Es hilft, wenn man Vertrauen in die Jugendlichen hat, ihnen offen begegnet – dafür muss man natürlich kritikfähig sein – und sie ihre eigenen Erfahrungen machen lässt – zum Beispiel wenn sie mal grauenhaft geschminkt aus dem Haus gehen…

Worauf haben Sie in puncto Erziehung am meisten Wert gelegt?
Respekt vor Menschen und Kulturen, Rücksicht und Sozialverhalten. So oft es ging, habe ich – trotz meines unsteten Lebens - auf gemeinsame Mahlzeiten Wert gelegt. Wichtig war und ist es mir, dass man sich nach Konflikten entschuldigen und auch verzeihen kann.

Was macht Kinder stark?
Sicherheit, Geborgenheit, sich geliebt zu fühlen – egal ob man Mist gebaut hat – und dass nichts diese Liebe erschüttern kann …

Bitte vervollständigen Sie diesen Satz: Für mich sind Kinder …
der größte Reichtum, den ich erlangen konnte.

Name: Nina Petri Geboren am 16. Juli 1963 in Hamburg
Sternzeichen: Krebs
Wohnhaft: Hamburg-Ottensen
Kinder: Moema und Papoula (17)

Werdegang: Nach dem Abitur am Helene-Lange-Gymnasium folgte eine Ausbildung an der Westfälischen Schauspielschule in Bochum.

Fernseh- und Kinoproduktionen: „Allein unter Frauen“, „Lola rennt“, „Happy Birthday, Türke“, „Bin ich schön?“ u.a.

Höhepunkte: 1994 Bayerischer Filmpreis für „Die tödliche Maria“, 1999 Deutscher Filmpreis in der Kategorie Beste Nebendarstellerin für „Lola rennt“ und „Bin ich schön?“

Kinderproduktionen: Film 2004: „Bibi Blocksberg und das Geheimnis der blauen Eulen“, Hörbücher 2011: „Zauberhafte Märchen von Feen und Prinzessinnen“ und „Grimms Märchen“

Aktuell spielt Nina Petri am 22. und 24. Mai am Theater „Hamburger Kammerspiele“ eine leidenschaftliche, derb-polternde Matrone im Stück „Seine Braut war das Meer und sie umschlang ihn“.

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