Typisch Mädchen,typisch Junge – Klischees unter der Lupe

Geschlechter-Stereotype und Vorurteile

Typisch Mädchen,typisch Junge – Klischees unter der Lupe

Foto: Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort

Keiner will sie, aber jeder hat sie: Vorurteile! Schublade auf, Ansicht rein, Schublade zu. Mädchen und Jungen werden schon früh in Stereotype gezwängt, die für ihre Entwicklung nicht ohne Folgen bleiben. Wagen es Heranwachsende aus diesen Rollen auszubrechen, haben sie es schwer. Wir sprachen mit Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort, Ärztlicher Leiter vom Zentrum für Psychosoziale Medizin im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Ärztlicher Direktor der Klinik Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik über das Geschlechter-Ungleichgewicht.

Was ist wirklich dran an solchen Stereotypen?
Diese Stereotype sind längst komplett überholt. All diese Eigenschaften können heutzutage sowohl auf Mädchen als auch auf Jungen zutreffen. Stereotype unterliegen immer einem Zeitenwandel. Zudem gibt es keine Persönlichkeitsstereotype. Die Entwicklung eines Kindes hängt einzig davon ab, wie es sozialisiert wird, in welchen Gruppen es aufwächst und sich zugehörig fühlt. Verhalten sich Mädchen oder Jungen entgegengesetzt dieser Stereotype, sind es in erster Linie die Eltern, die das befremdlich oder sogar als Problem empfinden. So ein Befremden sorgt stillschweigend dafür, dass Stereotype weiter aufrechterhalten werden. Die Angst, ihr Kind könnte homosexuell werden, steigt beispielsweise an. Dabei ist Homosexualität nichts Anerzogenes, sondern eine Veranlagung, mit der man geboren wird. Die Erziehung kann nichts daran ändern – man kann niemanden zur Homosexualität erziehen. Eltern sollten ihre Kinder experimentieren lassen und vor allem offen sein für alle Stereotype in alle Richtungen.

Angeboren sind die anatomischen Unterschiede wie Körperbau, Muskel- und Fettverteilung und natürlich das Geschlecht selbst. Daraus allein resultiert jeweils schon ein Gruppen-Zugehörigkeitsgefühl, ein anderes Erleben. So sind Jungen „von Natur aus“ eher offensiv, Mädchen eher rezeptiv. Das liegt u.a. auch an der unterschiedlichen hormonellen Ausstattung von Jungen und Mädchen.

In der Schule schneiden Jungs überwiegend schlechter ab als Mädchen. Warum? Ich möchte das mit dem Wort Rivalität im Sinne von Geschwisterrivalität beschreiben, denn das hat nichts mit Intelligenz zu tun. Wenn eine Rolle in der Gemeinschaft besetzt ist, wird automatisch eine oft gegensätzliche Rolle übernommen. In der Schule haben die Mädchen eine Rolle übernommen, die dem Schulsystem besser angepasst ist, als die der Jungen. So sind die Jungen häufig weniger diszipliniert und werden auch sozial abgehängt von den gleichaltrigen Mädchen. Das führt oft zu einer unglücklichen Dynamik, in der die Mädchen die „Fleißigen“ sind und die Jungen die „Faulen“. Nach vielen Jahren der Förderung der Emanzipation der Mädchen hat sich der Wind gedreht. Nun müssten wir uns verstärkt um die Jungen kümmern.

Was halten Sie von geschlechtsneutraler Erziehung?
Geschlechtsneutrale Erziehung funktioniert nicht. Das Geschlecht ist ein zentraler Bestandteil der Identität. Unser emotionales, körperliches und soziales Gefüge setzt sich aus zwei Geschlechtern zusammen und sie sind die Grundlage allen Lebens. Für Kinder ist es vom Kindergartenalter bis zur Entwicklung in der Pubertät wichtig, eine Geschlechtsidentität zu entwickeln und sich ihrem Geschlecht bewusst zu werden, zu einer Gruppe zu gehören – sei es die der Mädchen oder die der Jungen. Dabei müssen sie keinen Stereotypen entsprechen. Bestehende Rollenerwartungen werden immer wieder durchbrochen aber auch übernommen. Eltern sollten sich bewusst darüber sein, welche Stereotypen sie selbst verkörpern und inwiefern sie diese, vielleicht auch unbewusst, auf ihre Kinder übertragen.

Geschlechtsneutrale Erziehung
Bei geschlechterneutraler Erziehung versuchen Eltern in erster Linie im Umgang mit ihrem Kind so wenige Geschlechterstereotype wie möglich wiederzugeben. Jedes Kind soll sich so entwickeln wie es möchte – ohne die Grenzen, die ihm durch ein Geschlecht aufgezwungen werden.

Jungs in der Schule – das benachteiligte Geschlecht

Die Ergebnisse pädagogischer Forschungsstudien belegen: Es gibt Unterschiede im Lernerfolg von Mädchen und Jungen. Die Leistungsbilanz der Jungen in der Schule fällt schlechter aus als die der Mädchen: Mädchen verlassen die Schule seltener als Jungen ganz ohne Abschluss. Ihr Schulabschluss beschränkt sich seltener als der der Jungen auf einen Hauptschulabschluss und sie erzielen häufiger als Jungen einen mittleren Abschluss oder gar die Hochschulreife (Konsortium Bildungsberichterstattung 2006).

Dass die Leistungen von Mädchen zumindest im sprachlichen Bereich besser sind als die von Jungen, machte sowohl die „Internationale Grundschul-Leseuntersuchung" (IGLU) als auch die PISA-Leistungsstudie mit 15-Jährigen deutlich. Die PISA-Studie zeigte aber auch Leistungsschwächen von Mädchen in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Trotz ihrer weniger günstigen Schulleistungsbilanz trauen sich Jungen jedoch mehr zu und halten sich für klüger.

„Jungs sind inzwischen im Bildungssystem tatsächlich benachteiligt“, sagt Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort, Ärztlicher Direktor der Klinik Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik im UKE. „Wir müssten uns nun um eine neue Emanzipation der Jungen kümmern“, so Schulte-Markwort. Als wichtigster Grund für die schlechteren Noten der Jungen gelten Rollenbilder, die das Verhalten prägen: Sich für die Schule anzustrengen, ist unter Mädchen akzeptiert, gilt unter Jungen dagegen oft als uncool. Sich um Erfolg in der Schule zu bemühen, sich anzupassen und den Anweisungen des Lehrers zu folgen, passt offenbar nicht zum häufig vorherrschenden Männlichkeitsideal. Natürlich gibt es auch Jungen, die ohne jegliche Probleme durch die Schule kommen, sowie Mädchen, die mit viel Temperament und Bewegungsdrang gesegnet sind – doch diese Ausnahmen bestätigen die Regel.

Nur für Jungs – von wegen!

Jungs gehen zum Fußball und Kampfsport, Mädchen zum Tanzen und Reiten. Diese Grenzen haben sich mittlerweile aufgeweicht und es kommt immer häufiger vor, dass man beim Jungs-Sport, der überwiegend auf Wettkampf und Leistung beruht, auch Mädchen sieht und umgekehrt. Beim „NANDU.RUN - Parkour & Freestyle-Turnen“ zum Beispiel geht es darum, Hindernisse und Ängste zu überwinden, seinen Körper kennenzulernen und seine Grenzen zu erweitern. Beim Laufen, Springen, Landen, Fallen und Klettern in der Sporthalle und outdoor haben Mädchen und Jungen gleichermaßen ihren Spaß. Es gibt keine Wettbewerbe, jeder trainiert individuell an seinen Stärken und Schwächen. Und die Trainer feuern an und geben Hilfestellungen.

„NANDU.RUN“ trainiert regelmäßig in Wedel und Hamburg und bietet Geburtstagsfeiern, Ferienkurse und Schul-AGs für Kinder ab 6 Jahre an. Jüngere Kinder können zusammen mit ihren Eltern am „Family-Parkour” teilnehmen Alle Infos unter www.nandu.run

Tipps

ROBERTA
Das Projekt „ROBERTA – Mädchen erobern Roboter“ will das Wissen von Mädchen im naturwissenschaftlichen, technischen und informationstechnologischen Bereich vergrößern. Mehr Infos: www.roberta-home.de/kids/

Girls- and Boys-Day
Mädchen und Jungen der Klassen 5 bis 10 können sich über Berufe informieren, die von Frauen / Männern eher selten gewählt werden und eher untypische Berufe kennenlernen. Der nächste Girls- and Boys Day ist am 26. März 2020. Mehr Infos: www.girls-day.de und www.boys-day.de, speziell für Hamburg: www.wasfuerjungs.de

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